Ein ganz persönliches Thema: 1989 bin ich über Prag aus der DDR geflohen. Im März 2026 – nach 37 Jahren – war ich zum ersten Mal wieder an dem Ort, an dem für mich damals alles begann: an der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Prag, in der Tschechischen Republik.
Meine persönliche Geschichte:
Es war das Jahr 1989. In den Nachrichten hörte man immer häufiger von Menschen, die die DDR verließen – über Ungarn, über Österreich oder über die Tschechoslowakei. Freunde von mir waren plötzlich weg. Einfach verschwunden.
Ich selbst hatte darüber lange nicht nachgedacht. Eigentlich war ich zufrieden mit meinem Leben. Viel hatten wir nicht, aber wir kamen zurecht. Und das, was fehlte, ließ sich meistens irgendwie organisieren.
Ich arbeitete als Fleischer, und das hatte Vorteile. Mit dem Obstladen um die Ecke oder dem Plattenladen konnte man gut tauschen. Ein Stück Fleisch gegen ein paar Kuba-Bananen. Oder gegen die neueste Platte von Joe Cocker. So lief das damals.
Nur eines fehlte mir wirklich: die Freiheit zu reisen. Einmal in den Westen fahren. Sich alles anschauen. Und dann vielleicht wieder zurückkommen.
Zwei Tage vor meiner Flucht änderte sich plötzlich alles.
Ein Freund fragte mich beiläufig:
„Willst du mit über Prag abhauen?“
Ich musste kaum nachdenken. Warum eigentlich nicht? Wir waren jung, das ganze Leben lag noch vor uns. Was hatten wir schon zu verlieren? Vielleicht nur das Wichtigste – meine Mutter und meinen Bruder. Menschen, die ich im schlimmsten Fall jahrelang nicht mehr sehen würde.
Am Tag vor unserer geplanten Flucht fuhren wir zum Flughafen Berlin-Schönefeld. Wir wollten unsere Ostmark in tschechische Kronen tauschen.
Doch kaum waren wir angekommen, geriet ich direkt in eine Polizeikontrolle.
Der Polizist nahm meinen Personalausweis in die Hand, blätterte darin – und blieb plötzlich stehen. Eine Seite war lose.
Mein Herz rutschte mir in die Hose.
Er sah mich an und sagte ruhig:
„Damit müssen Sie morgen zur Polizeistation gehen und einen neuen Ausweis beantragen.“
Dann fragte er:
„Und was machen Sie hier?“
Für einen Moment wusste ich nicht, was ich sagen sollte. Schließlich antworteten wir möglichst beiläufig:
„Wir wollen in den nächsten Tagen nach Prag in den Urlaub fahren. Geld tauschen.“
Der Polizist musterte uns kurz. Sekunden, die sich wie Minuten anfühlten.
Dann gab er mir den Ausweis zurück.
„Na dann.“
Er ließ uns gehen.
Noch heute denke ich manchmal daran, wie knapp das war. Die Fluchtbewegung über Prag war zu diesem Zeitpunkt längst bekannt. Vielleicht hatte er einfach einen guten Tag.
Am nächsten Tag, am späten Nachmittag, stiegen wir in den Zug von Berlin nach Prag.
Der Zug war völlig überfüllt.
Trotzdem war es unheimlich still. Niemand sprach. Man konnte die Spannung förmlich spüren. Es war so ruhig, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können.
Als wir die Grenze zur Tschechoslowakei erreichten, wurde der Zug gestoppt. Grenzsoldaten kamen herein und begannen, Waggon für Waggon zu kontrollieren. Ausweise wurden geprüft, Taschen geöffnet, Fragen gestellt.
„Warum reisen Sie?“
„Wohin fahren Sie?“
Die Minuten krochen dahin. Für mich fühlten sie sich an wie Stunden. Angst und Hoffnung saßen nebeneinander auf der Bank.
Dann – endlich – setzte sich der Zug wieder in Bewegung.
Als wir auf tschechoslowakischem Gebiet waren, löste sich langsam die Spannung. Erste Gespräche begannen. Fremde Menschen sahen sich an und stellten vorsichtige Fragen.
„Wohin fahrt ihr?“
„Was ist euer Ziel?“
Und plötzlich wurde etwas klar.
Dieser ganze Zug war voller Menschen, die dasselbe vorhatten.
Alle wollten an denselben Ort.
Zur Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Prag.

Als wir am Abend am Prager Bahnhof ankamen, spürten wir sofort, dass etwas nicht stimmte. Überall standen Männer, die die ankommenden Reisenden aufmerksam beobachteten. Es waren Mitarbeiter der Stasi, die gezielt nach Menschen Ausschau hielten, die fliehen wollten. Sie versuchten, sie bereits am Bahnhof abzufangen.
Für uns war in diesem Moment klar: Wir durften keine Zeit verlieren. Wie viele andere auch rannten wir mit unserem wenigen Hab und Gut so schnell wir konnten zum Taxistand. Jeder wusste, dass jede Sekunde entscheidend sein konnte. Wenn man uns hier aufhielt, war alles vorbei.
Wir sprangen in ein Taxi. Kaum hatten wir unser Ziel genannt, wusste der Fahrer sofort Bescheid. Offenbar war er solche Fahrten schon gewohnt. Dann trat er aufs Gas. Ich habe selten erlebt, dass ein Lada so schnell durch eine Stadt gefahren ist. Der Fahrer raste durch die Straßen von Prag, als hinge unser aller Leben davon ab – und vielleicht tat es das auch. Immer wieder rechneten wir damit, dass man uns anhalten würde. Viele Taxis wurden tatsächlich abgefangen und kontrolliert.
Doch wir hatten Glück. Unser Taxi kam durch.
Als wir schließlich vor der Botschaft ankamen, bezahlten wir dem Fahrer eine für damalige Verhältnisse enorme Summe. In diesem Moment spielte Geld keine Rolle mehr. Wir sprangen aus dem Wagen und rannten die letzten Meter bis zum Gelände der Deutsche Botschaft.

Der kleine Platz vor der Botschaft war bereits von tschechischen Polizisten mit Maschinengewehren gesichert. Und ich möchte gar nicht wissen, wie viele Mitarbeiter der Stasi zusätzlich in Zivil unter den Menschen standen. Überall waren Flüchtlinge aus der DDR, die – genau wie wir – nur eines wollten: raus aus dem Land.
Ein Mitarbeiter der Botschaft kam zu uns heraus und versuchte, uns zu beruhigen. Er versicherte uns, dass wir hier in Sicherheit seien, auch wenn wir nicht mehr in das Gebäude hineingelassen werden konnten.
Mein Kumpel und ich übernachteten im freien auf einer kleinen Treppe, gegenüber der Botschaft. Wie ich jetzt erst feststellte, war es die Treppe zur italienischen Botschaft. Eine Nacht voller Bangen, Hoffen und ohne Schlaf.

Am nächsten Tag brachte man uns zu einem Platz am Malostranské náměstí. Auch dort wurde alles wieder von starken Polizeikräften abgesperrt. Offensichtlich wollte man unbedingt verhindern, dass sich noch mehr Flüchtlinge aus der DDR oder auch Menschen aus der Tschechoslowakei uns anschließen konnten.
Von dort aus ging es mit Bussen weiter zum Bahnhof. Dort wartete bereits ein Zug, der uns in Richtung Bundesrepublik Deutschland bringen sollte. Die gesamte Strecke bis zur Grenze der BRD wurde von tschechischen Soldaten und Polizisten streng bewacht. Alle Bahnhöfe, durch die wir fuhren, waren gesperrt.
Ich erinnere mich noch gut an einen Moment während dieser Fahrt. Viele von uns nahmen ihr restliches DDR-Geld und warfen es aus den Fenstern des Zuges auf die Bahnsteige. Für uns hatte dieses Geld keine Bedeutung mehr. Die wenigen Menschen, die dort standen, versuchten hastig, die Scheine einzusammeln. Doch oft gelang ihnen das nicht, weil Polizisten sie schnell wieder zurückdrängten.
Mit jedem Kilometer wurde uns klarer: Unsere Flucht war gelungen.
Den ersten Bahnhof den wir in Bayern anfuhren und der Zug stoppte, wurden wir von Menschen willkommen geheißen, die uns Tüten mit Essen wie Apfelsinen, Bananen und Kekse überreichten. Endlich was Essen und Trinken. Nach fast 24 Stunden ohne einen einzigen Bissen. Von Bayern ging es weiter nach Hamburg. Dort blieb ich etwa eine Woche und schlief zusammen mit ungefähr 100 anderen Menschen auf Feldbetten in einer Sporthalle des Bundesgrenzschutzes.
Danach kam ich für eine Woche in das Feriendorf Silbersee bei Frielendorf und anschließend nach Gießen. Die Zeit in Gießen war für mich ein purer Albtraum. Zu sechst schliefen wir in drei Hochbetten in einem vielleicht 15qm kleinem Zimmer. Eigentlich war das Zimmer nur für 4 Personen ausgelegt. Zum Frühstück gab es hartes Brot, Wurst und Käse. Wir brauchten nicht viel und gaben uns mit dem wenigen zufrieden. Aber zum Glück holte mich mein Onkel dort ab und nahm mich bei sich auf. Von da an führte mein Weg über Maintal, Heusenstamm schließlich nach Obertshausen.
Mein Start in ein neues Leben war ein Rucksack mit Wechselwäsche und 100 DM Begrüßungsgeld. Ich habe versucht das beste daraus zu machen und muss sagen, es ist mir gelungen.
Heute wieder vor dieser Botschaft zu stehen, war ein sehr emotionaler Moment für mich. Viele Erinnerungen kamen zurück – an Angst, Hoffnung und daran, wie ein einziger Tag mein ganzes Leben verändert hat.
Manchmal wird einem erst nach vielen Jahren wirklich bewusst, welchen Weg man gegangen ist.
Zeitgenössische Fakten über diese Zeit:
Diese Ereignisse waren Teil der dramatischen Fluchtbewegung von DDR-Bürgern, die schließlich in den historischen Ereignissen rund um die Prager Botschaftsflüchtlinge 1989 gipfelten. Ende September 1989 verkündete der damalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher vom Balkon der Botschaft, dass Tausende DDR-Flüchtlinge ausreisen durften – ein Moment, der später zu einem der symbolischen Wendepunkte auf dem Weg zum Fall der Fall der Berliner Mauer wurde.



